Sagt Böttchers Intimus Dr. Timm, ehemals Senator für den Casinobezirk Travemünde: »Gemuschelt haben sie alle.« Timm will demnächst mit einer Anzeige auch in Norddeutschland einen Spielbank-Meineidsprozeß in Gang setzen. Die Motive der Muschelei in Nord und Süd gleichen einander: Labile Demokraten wurden von der Zentrifugalkraft einer Maschine erfaßt, die der französische Mathematiker Blaise Pascal vor 300 Jahren für die Berechnung von Kurven ersann. Geschäftsleute verwandelten die Maschine in ein Glücksinstrument, das Roulette, dessen kreisende Fächerscheibe täglich vom Nachmittag bis in die Nacht etwa 5000 Spielamateure und -routiniers in den 13 Spielcasinos der Bundesrepublik amüsiert oder fasziniert Aufpasser in Livree, Smoking oder Stresemann bewachen die Glücksmaschinerie, die Manager des Handels mit dem Phantom Fortuna aber - die Spielbank-Gesellschafter - sieht man nicht.
Wegen dieser Konzessionen wurde in Nord und Süd gefeilscht, intrigiert und politisiert. jedesmal, wenn CasinoKonzessionsaffären Kreise zogen, hatten diese Kreise auch eine Tangente, die man bis nach München verlängern konnte. Dort steht nicht nur ein Hofbräuhaus, sondern auch ein Bankhaus, an dessen Fassade gleich zwei Firmenschilder hängen: - August Lenz & Co. Beide Banken werden von der gleichen Hand regiert, die seit dem Jahre 1948 im westdeutschen Spielbankgeschäft mitmischt. Sie ist nicht sehr kräftig ausgeprägt, obwohl sie früher oft den Hockeyschläger schwang. Ihre Karriere ist abhängig von einem Amtspapier mit Dienstsiegel und Unterschrift: der Konzessionsurkunde. Sie sichert ihnen die Fortdauer hoher Gewinne.
Sie bekommen diese Rendite auch noch steuerfrei. Die Spielbankiers brauchen nämlich nicht Einkommen-, Umsatz- und Gewerbesteuer zu zahlen, nachdem sie sich verpflichtet haben, pauschal 80 Prozent der Brutto-Spieleinnahmen* an die jeweilige Gemeinde, das zuständige Bundesland und den Bund abzuführen. Die Gewinne werden durch Betriebsaufwendungen kaum geschmälert. Die Summe der Eintrittsgelder und der Garderobengebühren - in den größeren Casinos jährlich mehr als eine halbe Million Mark - reicht aus, um den äußeren Glanz der Spielsäle zu erhalten. Für die Gehälter der Angestellten kommen nicht die Spielunternehmer, sondern die Spieler auf.
Vom Empfangschef bis zur Toilettenfrau werden nämlich alle Angestellten aus einem Fonds entlohnt, der in cas glücksspiel werbung deutschland der Casinosprache »Tronc« genannt wird. In diesen Topf, der an jedem Spieltisch hängt, lassen die Croupiers alle Jetons (Spielmarken) fallen, die ihnen die Gewinner als Trinkgeld zuschieben; die Jetons werden später an der Kasse in Bargeld umgewechselt. Nach einer Faustregel, die sich in der Spielbankpraxis immer wieder bestätigte, kommt im Tronc zusätzlich die Hälfte des Betrages zusammen, den die Bank auf den Spieltischen als Gewinn (Bruttospieleinnahmen) kassiert. Wenn die Spielbank Neuenahr im Jahr - wie beispielsweise 1958 - 9,3 Millionen Mark einnimmt, kann man damit rechnen, daß im Tronc auch noch 4,2 bis 4,6 Millionen Mark stecken. Obwohl den leitenden Arrangeuren aus dem Topf Spitzengehälter gezahlt werden, zum Beispiel dem Saalchef 4000 Mark monatlich, den Croupiers durchschnittlich 2000 Mark, bleibt noch genug Trinkgeld übrig, um damit Unterstützungskassen zu füllen.
Einen kleinen Teil (etwa fünf Prozent) führen manche Casinoleitungen einem Sonderfonds zu, den sie verschämt Kulturfonds nennen. Mit diesem Kulturgeld wurden in Bayern auch politische Parteien unterstützt. Nachdem das Finanzgebaren der Spielbankiers schon 1953 im Bundestag heftige Debatten ausgelöst hatte, benutzten die Gesellschafter von Neuenahr einen Teil ihrer Gewinne zum Aufstocken des Gesellschaftskapitals (von ursprünglich 55 000 auf zwei Millionen Mark), so daß der krasse Unterschied zwischen ihren Einlagen und der Rendite nicht mehr so scharf ins Gewicht fällt. Immerhin werden auch jetzt noch Dividenden von annähernd 100 Prozent erzielt. Bei diesen Gewinnchancen war es verständlich, daß sich die Gruppe Lenz nach den Geschäftserfolgen in Neuenahr auch anderweitig um Stellplätze für Roulettekessel und Baccara-Tische bemühte. Wegen dieser Konzessionen wurde in Nord und Süd gefeilscht, intrigiert und politisiert. jedesmal, wenn CasinoKonzessionsaffären Kreise zogen, hatten diese Kreise auch eine Tangente, die man bis nach München verlängern konnte. Dort steht nicht nur ein Hofbräuhaus, sondern auch ein Bankhaus, an dessen Fassade gleich zwei Firmenschilder hängen: - August Lenz & Co. Beide Banken werden von der gleichen Hand regiert, die seit dem Jahre 1948 im westdeutschen Spielbankgeschäft mitmischt.
| Zielgruppe | Werbemaßnahmen in der Schweiz | Werbemaßnahmen in Deutschland | Besondere Anreize |
|---|---|---|---|
| Schweizer Gäste | Anzeigen in Regionalzeitungen (Thurgauer Zeitung), Radio | Plakate an Grenzübergängen | Freigetränke, Transportservice |
| Deutsche Grenzbewohner | Gezielte Online-Werbung | Lokale Veranstaltungs-Promotion | Eintrittsrabatte, Parkgebühren-Erstattung |
| Touristen in der Region | Kooperation mit Hotels in Kreuzlingen | Kooperation mit Hotels in Konstanz | Kombipakete mit Übernachtung |
Sie ist nicht sehr kräftig ausgeprägt, obwohl sie früher oft den Hockeyschläger schwang. Auch der Habitus des Münchner Bankiers läßt nicht sofort ahnen, daß er ein Sports- und Geschäftsmann mit überdurchschnittlicher Initiative ist. Das bürgerliche Gesellschaftsmagazin »Film und Frau« bildete ihn vor Weihnachten als Gutsherrn und eine Art Provinz-Onassis in Salonlöwenhaltung ab. Den Bankier kostet es aber jedesmal Überwindung, sich auf einer Party zu zeigen. Erst recht vermeidet er es, die fünf Spielcasinos zu betreten, an denen er beteiligt ist. Nur während der Baden-Badener Woche - jedes Jahr Ende August - mustert er mit scharfen braunen Augen, die ihm in München den Beinamen »Rosinen-August« eingebracht haben, das Volk der Spieler, das sich zwischen den Roulette-Tischen bewegt. Der Ignorant des Glücksspiels, der - wie der junge Frühling - Lenz heißt, mit dem römischen Vornamen August (bayrisch: Gustl), sorgte nach dem Zweiten Weltkrieg dafür, daß der Glücksspieltrieb im deutschen Menschen ungehemmt Erfüllung finden kann - in staatlich konzessionierten Spielcasinos und mit beträchtlichem Gewinn für die Spielbank-Gesellschafter, besonders für die des sogenannten Münchner Konsortiums, das sich um den 54jährigen Bankier Lenz scharte.
| Casino-Name | Ort (Deutschland) | Entfernung zur Schweizer Grenze | Besonderheiten |
|---|---|---|---|
| Casino Konstanz | Konstanz | Direkt am Grenzübergang | Spielbank mit Seeblick, historisches Gebäude |
| Spielbank Bad Ragaz (CH) / Spielbank Konstanz Kooperation | Grenzregion Konstanz | ~2 km | Gemeinsame Veranstaltungen und Gästeprogramme |
| Casino Bregenz (A) - Ziel für Südbaden | Bregenz (Österreich) | ~5 km von deutscher Grenze | Großes Casino am Bodensee, auch für Gäste aus der CH |
| Kurcasino Badenweiler | Badenweiler | ~15 km | Kleines, exklusives Spielcasino im Kurort |
Dazu gehören noch Lenzens Kompagnons Dr. Otto Schmitz, wie Lenz persönlich haftender Gesellschafter des Bankhauses August Lenz & Co., gelernter Rechtsanwalt, Hockey- aber nicht Glücksspieler, und Dr. Hubert Thelen, früherer Landgerichtsrat, der schon 1941 ins Bankfach und ab 1948 auch noch in die Glücksspielbranche überwechselte; ferner Erika Spitz, ehemalige Kleidervorführerin, die in dem Münchner Spielbankkonsortium ihren vielfach engagierten Gatten Georg Spencer Spitz vertritt, der den prominentesten bayrischen Rennstall, das Gestüt Aschau, besitzt.
Timm, ehemals Senator für den Casinobezirk Travemünde: »Gemuschelt haben sie alle.« Timm will demnächst mit einer Anzeige auch in Norddeutschland einen Spielbank-Meineidsprozeß in Gang setzen. Die Motive der Muschelei in Nord und Süd gleichen einander: Labile Demokraten wurden von der Zentrifugalkraft einer Maschine erfaßt, die der französische Mathematiker Blaise Pascal vor 300 Jahren für die Berechnung von Kurven ersann. Geschäftsleute verwandelten die Maschine in ein Glücksinstrument, das Roulette, dessen kreisende Fächerscheibe täglich vom Nachmittag bis in die Nacht etwa 5000 Spielamateure und -routiniers in den 13 Spielcasinos der Bundesrepublik amüsiert oder fasziniert Aufpasser in Livree, Smoking oder Stresemann bewachen die Glücksmaschinerie, die Manager des Handels mit dem Phantom Fortuna aber - die Spielbank-Gesellschafter - sieht man nicht. Ihre Karriere ist abhängig von einem Amtspapier mit Dienstsiegel und Unterschrift: der Konzessionsurkunde. Sie sichert ihnen die Fortdauer hoher Gewinne. Lenz und seine Spielgefährten verschafften sich 1948 die Konzession der ersten deutschen Nachkriegsspielbank in Bad Neuenahr, die sich in wenigen Jahren zur zweitgrößten Spielbank Europas nach Monte-Carlo entwickelte. Seit ihrer Eröffnung 1948 schleuste der Empfangstresen mehr als zwei Millionen Spieler - nach diskreter Sondierung ihrer Identität und ihrer Vermögenslage - durch die Spielsaaltüren an die Roulette- und Baccara-Tische. In Lenzens Spielbank verkehrten nicht nur Fleischermeister wie der unlängst wegen Viehdiebstahls zu sechseinhalb Jahren Zuchthaus verurteilte Düsseldorfer Cowboy Roden und fallsüchtige Agentengestalten wie der polnische Strauß-Spion Kosch (SPIEGEL 50/1959), sondern auch honorige Geldaristokraten und prominente Wirtschaftskapitäne.
Das ökonomische Kraftzentrum Rhein und Ruhr gehört zum Einzugsgebiet dieser Glücksfabrik, in der sich auch reiche Belgier, Holländer und Luxemburger gern betätigen. Die wirtschaftliche Elite sorgt mit ihren Einsätzen dafür, daß die Casino-Gesellschafter Höchstprofite einkassieren können, die sich im Spielbankgeschäft immer dann akkumulieren, wenn die Spieler möglichst hohe Einsätze riskieren.
In Neuenahr setzen die Roulettespieler öfter als in anderen Spielbanken die maximale Quote. Sie gewinnen und verlieren, aber die Spielbankgesellschafter haben bisher immer nur gewonnen. Im vergangenen Jahr büßte jeder Casinobesucher in Neuenahr durchschnittlich 45 Mark ein. In anderen Casinos liegt der Durchschnittsverlust je Spieler bei etwa 36 Mark. begünstigt, konnte die Gruppe Lenz in den Anfangsjahren 200 und mehr Prozent Dividenden abschöpfen, also Jahr für Jahr doppelt soviel Gewinn kassieren, wie die Konsorten als Gesellschaftskapital in die Casino-Kommanditgesellschaft eingebracht haben. Sie bekommen diese Rendite auch noch steuerfrei. Die Spielbankiers brauchen nämlich nicht Einkommen-, Umsatz- und Gewerbesteuer zu zahlen, nachdem sie sich verpflichtet haben, pauschal 80 Prozent der Brutto-Spieleinnahmen* an die jeweilige Gemeinde, das zuständige Bundesland und den Bund abzuführen. Die Gewinne werden durch Betriebsaufwendungen kaum geschmälert. Die Summe der Eintrittsgelder und der Garderobengebühren - in den größeren Casinos jährlich mehr als eine halbe Million Mark - reicht aus, um den äußeren Glanz der Spielsäle zu erhalten. Für die Gehälter der Angestellten kommen nicht die Spielunternehmer, sondern die Spieler auf. Vom Empfangschef bis zur Toilettenfrau werden nämlich alle Angestellten aus einem Fonds entlohnt, der in cas glücksspiel werbung deutschland der Casinosprache »Tronc« genannt wird. In diesen Topf, der an jedem Spieltisch hängt, lassen die Croupiers alle Jetons (Spielmarken) fallen, die ihnen die Gewinner als Trinkgeld zuschieben; die Jetons werden später an der Kasse in Bargeld umgewechselt. Nach einer Faustregel, die sich in der Spielbankpraxis immer wieder bestätigte, kommt im Tronc zusätzlich die Hälfte des Betrages zusammen, den die Bank auf den Spieltischen als Gewinn (Bruttospieleinnahmen) kassiert. Wenn die Spielbank Neuenahr im Jahr - wie beispielsweise 1958 - 9,3 Millionen Mark einnimmt, kann man damit rechnen, daß im Tronc auch noch 4,2 bis 4,6 Millionen Mark stecken. Obwohl den leitenden Arrangeuren aus dem Topf Spitzengehälter gezahlt werden, zum Beispiel dem Saalchef 4000 Mark monatlich, den Croupiers durchschnittlich 2000 Mark, bleibt noch genug Trinkgeld übrig, um damit Unterstützungskassen zu füllen. Einen kleinen Teil (etwa fünf Prozent) führen manche Casinoleitungen einem Sonderfonds zu, den sie verschämt Kulturfonds nennen. Mit diesem Kulturgeld wurden in Bayern auch politische Parteien unterstützt. Nachdem das Finanzgebaren der Spielbankiers schon 1953 im Bundestag heftige Debatten ausgelöst hatte, benutzten die Gesellschafter von Neuenahr einen Teil ihrer Gewinne zum Aufstocken des Gesellschaftskapitals (von ursprünglich 55 000 auf zwei Millionen Mark), so daß der krasse Unterschied zwischen ihren Einlagen und der Rendite nicht mehr so scharf ins Gewicht fällt. Immerhin werden auch jetzt noch Dividenden von annähernd 100 Prozent erzielt. Bei diesen Gewinnchancen war es verständlich, daß sich die Gruppe Lenz nach den Geschäftserfolgen in Neuenahr auch anderweitig um Stellplätze für Roulettekessel und Baccara-Tische bemühte. Es gelang ihr, Konzessionen an vier weiteren Fremdenverkehrs - Knotenpunkten zu erhalten, nämlich - Baden-Baden, Das Casino Baden-Baden erreichte unter diesen Fortuna-Betrieben bald Spitzenrang.
| Aspekt | Auswirkung in Deutschland | Auswirkung in der Schweiz | Grenzüberschreitende Effekte |
|---|---|---|---|
| Arbeitsplätze | Schaffung von Jobs in der Gastronomie & Sicherheit | Weniger Arbeitsplätze im Glücksspiel durch Abwanderung | Grenzgänger arbeiten im deutschen Casino |
| Tourismus | Zusätzliche Übernachtungen in Grenzstädten | Tagesausflügler geben weniger Geld in CH aus | Gemeinsame Tourismus-Pakete werden erstellt |
| Steuereinnahmen | Hohe Spielbankabgabe an das Land | Weniger Steuern aus eigenen Casinos | Steuerwettbewerb zwischen den Ländern |
Es ist heute das bundesdeutsche Casino mit dein stärksten Besucherstrom.
Es gelang ihr, Konzessionen an vier weiteren Fremdenverkehrs - Knotenpunkten zu erhalten, nämlich - Baden-Baden, Das Casino Baden-Baden erreichte unter diesen Fortuna-Betrieben bald Spitzenrang. Es ist heute das bundesdeutsche Casino mit dein stärksten Besucherstrom. Seine Einnahmen - 1958 über sieben Millionen Mark - blieben aber hinter den Erträgen von Neuenahr zurück (siehe Graphik Seite 33). Auch in der Konstanzer Roulettemühle herrscht seit Jahren Hochkonjunktur, die sie bisher den vielen Eidgenossen verdankt, die in schöner Regelmäßigkeit bis in die späte Nacht ihren Spieltrieb auf der deutschen Bodenseeseite abreagieren, wenn auf dem Schwyzer Ufer längst alle Lichter erloschen sind. In der Schweiz sind die klassischen Glücksspiele Roulette und Baccara verboten; erlaubt ist nur das Ersatzspiel Boule mit kleinen Einsätzen.
Seit das Münchner Konsortium mit dem Bankier Lenz als Rückgrat den Roulettekessel zum Fetisch vieler In- und Ausländer machte, zogen mehr als 7,5 Millionen Menschen durch die fünf Casinos. Freilich gab es neben der Lenz-Gruppe auch noch andere tüchtige Geschäftsleute, die sich im Profitstreben mit ihr messen konnten und auch Gelegenheit erhielten, sich ähnlich wie Lenz zu engagieren. Dazu kamen ab 1955 noch die umstrittenen bayrischen Casinos in Während die Konkurrenz nachwuchs, versuchte die Gruppe Lenz Anteile fremder Unternehmen aufzukaufen oder die Position der Konkurrenten bei der Vergabe neuer Konzessionen durch Kulissengeplänkel zu schwächen. Eine Weile gefiel sich Lenzens Generalbeauftragter für Spielbankfragen, der Landgerichtsrat außer Dienst Dr. Hubert Thelen, in der Rolle des Kiebitzes, der um zu verhindern, daß sich die Konkurrenz aufblähte - bei dem politischen Roulette um die bayrischen Spielbank-Konzessionen dem janusköpfigen Emissär Karl Freisehner zuflüsterte, auf welche Farben er setzen sollte.
Das Motiv für diese Konkurrenzmanöver liegt in der Eigenart des Glücksspielgeschäfts. Die Spieler aus Lust und Leidenschaft bilden einen begrenzten Kreis. Die Casino-Propagandisten können ihn auch kaum durch Suggestivwerbung vergrößern, denn zum Glücksspiel läßt sich niemand so leicht verleiten wie etwa zum Kauf einer neuen Zigarettensorte oder eines Aperitifs. Freilich besuchen auch Mittelständler, die keine Spielernaturen sind, gelegentlich Spielcasinos, aber sie sind keine potentiellen Kunden, sondern wollen meist nur prickelnde Atmosphäre schnuppern oder später mit dem Besuch der »Spielhölle« renommieren, in der sie meist nur Kleingeld auf die aussichtsreichsten Chancen setzen, etwa auf eine der beiden Farben (Rot oder Schwarz). Sagt Böttchers Intimus Dr. Seine Einnahmen - 1958 über sieben Millionen Mark - blieben aber hinter den Erträgen von Neuenahr zurück (siehe Graphik Seite 33). Auch in der Konstanzer Roulettemühle herrscht seit Jahren Hochkonjunktur, die sie bisher den vielen Eidgenossen verdankt, die in schöner Regelmäßigkeit bis in die späte Nacht ihren Spieltrieb auf der deutschen Bodenseeseite abreagieren, wenn auf dem Schwyzer Ufer längst alle Lichter erloschen sind. In der Schweiz sind die klassischen Glücksspiele Roulette und Baccara verboten; erlaubt ist nur das Ersatzspiel Boule mit kleinen Einsätzen. Seit das Münchner Konsortium mit dem Bankier Lenz als Rückgrat den Roulettekessel zum Fetisch vieler In- und Ausländer machte, zogen mehr als 7,5 Millionen Menschen durch die fünf Casinos. Freilich gab es neben der Lenz-Gruppe auch noch andere tüchtige Geschäftsleute, die sich im Profitstreben mit ihr messen konnten und auch Gelegenheit erhielten, sich ähnlich wie Lenz zu engagieren.
Sagt Böttchers Intimus Dr. Timm, ehemals Senator für den Casinobezirk Travemünde: »Gemuschelt haben sie alle.« Timm will demnächst mit einer Anzeige auch in Norddeutschland einen Spielbank-Meineidsprozeß in Gang setzen. Die Motive der Muschelei in Nord und Süd gleichen einander: Labile Demokraten wurden von der Zentrifugalkraft einer Maschine erfaßt, die der französische Mathematiker Blaise Pascal vor 300 Jahren für die Berechnung von Kurven ersann. Geschäftsleute verwandelten die Maschine in ein Glücksinstrument, das Roulette, dessen kreisende Fächerscheibe täglich vom Nachmittag bis in die Nacht etwa 5000 Spielamateure und -routiniers in den 13 Spielcasinos der Bundesrepublik amüsiert oder fasziniert Aufpasser in Livree, Smoking oder Stresemann bewachen die Glücksmaschinerie, die Manager des Handels mit dem Phantom Fortuna aber - die Spielbank-Gesellschafter - sieht man nicht. Ihre Karriere ist abhängig von einem Amtspapier mit Dienstsiegel und Unterschrift: der Konzessionsurkunde.
Sie sichert ihnen die Fortdauer hoher Gewinne. Wegen dieser Konzessionen wurde in Nord und Süd gefeilscht, intrigiert und politisiert. jedesmal, wenn CasinoKonzessionsaffären Kreise zogen, hatten diese Kreise auch eine Tangente, die man bis nach München verlängern konnte. Dort steht nicht nur ein Hofbräuhaus, sondern auch ein Bankhaus, an dessen Fassade gleich zwei Firmenschilder hängen: - August Lenz & Co. Beide Banken werden von der gleichen Hand regiert, die seit dem Jahre 1948 im westdeutschen Spielbankgeschäft mitmischt.
Sie ist nicht sehr kräftig ausgeprägt, obwohl sie früher oft den Hockeyschläger schwang. Auch der Habitus des Münchner Bankiers läßt nicht sofort ahnen, daß er ein Sports- und Geschäftsmann mit überdurchschnittlicher Initiative ist. Das bürgerliche Gesellschaftsmagazin »Film und Frau« bildete ihn vor Weihnachten als Gutsherrn und eine Art Provinz-Onassis in Salonlöwenhaltung ab. Den Bankier kostet es aber jedesmal Überwindung, sich auf einer Party zu zeigen. Erst recht vermeidet er es, die fünf Spielcasinos zu betreten, an denen er beteiligt ist. Dazu kamen ab 1955 noch die umstrittenen bayrischen Casinos in Während die Konkurrenz nachwuchs, versuchte die Gruppe Lenz Anteile fremder Unternehmen aufzukaufen oder die Position der Konkurrenten bei der Vergabe neuer Konzessionen durch Kulissengeplänkel zu schwächen. Eine Weile gefiel sich Lenzens Generalbeauftragter für Spielbankfragen, der Landgerichtsrat außer Dienst Dr. Hubert Thelen, in der Rolle des Kiebitzes, der um zu verhindern, daß sich die Konkurrenz aufblähte - bei dem politischen Roulette um die bayrischen Spielbank-Konzessionen dem janusköpfigen Emissär Karl Freisehner zuflüsterte, auf welche Farben er setzen sollte. Das Motiv für diese Konkurrenzmanöver liegt in der Eigenart des Glücksspielgeschäfts.
Nur während der Baden-Badener Woche - jedes Jahr Ende August - mustert er mit scharfen braunen Augen, die ihm in München den Beinamen »Rosinen-August« eingebracht haben, das Volk der Spieler, das sich zwischen den Roulette-Tischen bewegt. Der Ignorant des Glücksspiels, der - wie der junge Frühling - Lenz heißt, mit dem römischen Vornamen August (bayrisch: Gustl), sorgte nach dem Zweiten Weltkrieg dafür, daß der Glücksspieltrieb im deutschen Menschen ungehemmt Erfüllung finden kann - in staatlich konzessionierten Spielcasinos und mit beträchtlichem Gewinn für die Spielbank-Gesellschafter, besonders für die des sogenannten Münchner Konsortiums, das sich um den 54jährigen Bankier Lenz scharte. Dazu gehören noch Lenzens Kompagnons Dr. Otto Schmitz, wie Lenz persönlich haftender Gesellschafter des Bankhauses August Lenz & Co., gelernter Rechtsanwalt, Hockey- aber nicht Glücksspieler, und Dr. Hubert Thelen, früherer Landgerichtsrat, der schon 1941 ins Bankfach und ab 1948 auch noch in die Glücksspielbranche überwechselte; ferner Erika Spitz, ehemalige Kleidervorführerin, die in dem Münchner Spielbankkonsortium ihren vielfach engagierten Gatten Georg Spencer Spitz vertritt, der den prominentesten bayrischen Rennstall, das Gestüt Aschau, besitzt.
Lenz und seine Spielgefährten verschafften sich 1948 die Konzession der ersten deutschen Nachkriegsspielbank in Bad Neuenahr, die sich in wenigen Jahren zur zweitgrößten Spielbank Europas nach Monte-Carlo entwickelte. Seit ihrer Eröffnung 1948 schleuste der Empfangstresen mehr als zwei Millionen Spieler - nach diskreter Sondierung ihrer Identität und ihrer Vermögenslage - durch die Spielsaaltüren an die Roulette- und Baccara-Tische. In Lenzens Spielbank verkehrten nicht nur Fleischermeister wie der unlängst wegen Viehdiebstahls zu sechseinhalb Jahren Zuchthaus verurteilte Düsseldorfer Cowboy Roden und fallsüchtige Agentengestalten wie der polnische Strauß-Spion Kosch (SPIEGEL 50/1959), sondern auch honorige Geldaristokraten und prominente Wirtschaftskapitäne. Das ökonomische Kraftzentrum Rhein und Ruhr gehört zum Einzugsgebiet dieser Glücksfabrik, in der sich auch reiche Belgier, Holländer und Luxemburger gern betätigen. Die wirtschaftliche Elite sorgt mit ihren Einsätzen dafür, daß die Casino-Gesellschafter Höchstprofite einkassieren können, die sich im Spielbankgeschäft immer dann akkumulieren, wenn die Spieler möglichst hohe Einsätze riskieren.
In Neuenahr setzen die Roulettespieler öfter als in anderen Spielbanken die maximale Quote. Sie gewinnen und verlieren, aber die Spielbankgesellschafter haben bisher immer nur gewonnen. Im vergangenen Jahr büßte jeder Casinobesucher in Neuenahr durchschnittlich 45 Mark ein. In anderen Casinos liegt der Durchschnittsverlust je Spieler bei etwa 36 Mark. begünstigt, konnte die Gruppe Lenz in den Anfangsjahren 200 und mehr Prozent Dividenden abschöpfen, also Jahr für Jahr doppelt soviel Gewinn kassieren, wie die Konsorten als Gesellschaftskapital in die Casino-Kommanditgesellschaft eingebracht haben. Die Spieler aus Lust und Leidenschaft bilden einen begrenzten Kreis. Die Casino-Propagandisten können ihn auch kaum durch Suggestivwerbung vergrößern, denn zum Glücksspiel läßt sich niemand so leicht verleiten wie etwa zum Kauf einer neuen Zigarettensorte oder eines Aperitifs. Freilich besuchen auch Mittelständler, die keine Spielernaturen sind, gelegentlich Spielcasinos, aber sie sind keine potentiellen Kunden, sondern wollen meist nur prickelnde Atmosphäre schnuppern oder später mit dem Besuch der »Spielhölle« renommieren, in der sie meist nur Kleingeld auf die aussichtsreichsten Chancen setzen, etwa auf eine der beiden Farben (Rot oder Schwarz).